04 Systemfragen
Biodynamie: Boden, Humus und Präparate
Was die biodynamische Landwirtschaft über Bodenfruchtbarkeit, Humusaufbau und Präparate lehrt: Verfahren, Prüfungen und das, was sich messen lässt.
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Schublade 04, Systemfragen
Die biodynamische Landwirtschaft lehrt, dass Bodenfruchtbarkeit nicht als Vorrat, sondern als Vorgang zu verstehen ist: als das Ergebnis von Humusaufbau, Wurzelwachstum, Bodenleben und dem, was der Betrieb jährlich einbringt und entnimmt. Sie arbeitet mit zwei Präparategruppen, den Feldpräparaten und den Kompostpräparaten, und sie kennt für jede Arbeit einen Zeitpunkt im Jahr. Was sich davon messen lässt, ist begrenzt: Humusgehalt, pH-Wert, Nährstoffe, Aggregatstabilität und die biologische Aktivität sind prüfbar, die Wirkung einzelner Präparate auf den Ertrag ist es nicht in gleicher Weise.
Was ist biodynamische Landwirtschaft?
Die biodynamische Landwirtschaft ist eine Wirtschaftsweise, die den Betrieb als ein Ganzes behandelt: Boden, Pflanzen, Tiere, Düngung und Fruchtfolge sollen so aufeinander abgestimmt werden, dass der Hof seine Fruchtbarkeit weitgehend aus sich selbst erhält. Sie geht auf die Vorträge Rudolf Steiners von 1924 zurück und wurde in der Folge von landwirtschaftlichen Verbänden und Beratungsstellen weiterentwickelt. Zu den bekannten Einrichtungen gehören das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in der Schweiz und das Institut für biologisch-dynamische Forschung in Deutschland. Die Verfahren sind in der Praxis an Fruchtfolgen gebunden, die Leguminosen, Getreide, Hackfrüchte und Weide in einem mehrjährigen Wechsel führen. Wer sich über die Grundlagen und die Geschichte dieser Wirtschaftsweise informieren will, findet in der englischsprachigen Fachliteratur und in redaktionellen Übersichten eine Einordnung, wie sie etwa bei biodynamische Bodenpflege beschrieben wird.
Welche Präparate gibt es und wozu dienen sie?
Die biodynamische Praxis unterscheidet Feldpräparate und Kompostpräparate. Zu den Feldpräparaten zählen das Hornmistpräparat, das in geringer Menge in Wasser verrührt und auf den Boden ausgebracht wird, und das Hornkieselpräparat, das auf die oberirdischen Pflanzenteile gesprüht wird. Die Kompostpräparate sind sechs an der Zahl: Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian. Sie werden in kleinen Mengen in den Kompost oder in die Düngergrube gegeben. Die Präparate sind keine Düngemittel im üblichen Sinn. Sie liefern keine nennenswerten Nährstoffmengen, sondern sollen nach dem Verständnis der Anwender die Umsetzungsvorgänge im Boden und im Kompost anregen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie den Anspruch begrenzt: Wer von einem Präparat eine Düngerwirkung erwartet, verwechselt zwei verschiedene Dinge.
Wie wird Humus aufgebaut?
Humus entsteht aus organischer Substanz, die im Boden bleibt und dort von Bodenorganismen umgebaut wird. Entscheidend sind die Menge und die Qualität des Materials, das zurückgeführt wird: Ernterückstände, Wurzelmasse, Gründüngung, Mist und Kompost. Ein Betrieb, der Stroh abführt und nur mineralisch düngt, verliert langfristig Kohlenstoff. Ein Betrieb, der Leguminosen in der Fruchtfolge führt, gewinnt Stickstoff über die Knöllchenbakterien und liefert zugleich Wurzelmasse für den Humusaufbau. Die bodendynamische Praxis betont zusätzlich die Durchwurzelung in die Tiefe, weil Wurzeln den Boden lockern und Ausscheidungen an das Bodenleben abgeben. Humusaufbau ist deshalb kein einzelner Arbeitsschritt, sondern eine Folge der gesamten Fruchtfolge und der Düngung über Jahre.
Was lässt sich im Boden messen?
Gemessen werden können der Humusgehalt, der pH-Wert, die pflanzenverfügbaren Nährstoffe, die Aggregatstabilität, die Wasserinfiltration und die Zahl und Vielfalt der Bodenorganismen. Für den Humusgehalt gibt es anerkannte Laborverfahren, etwa die Bestimmung des organischen Kohlenstoffs. Diese Werte sind vergleichbar, wenn Probenahme, Tiefe und Zeitpunkt gleich gehalten werden. Was sich nicht ohne Weiteres messen lässt, ist die Wirkung eines einzelnen Präparats. Dafür wären Parzellenversuche mit Wiederholungen, gleichen Ausgangsbedingungen und über mehrere Jahre nötig. Solche Versuche sind aufwendig, und die Ergebnisse schwanken mit Witterung, Bodenart und Bewirtschaftung. Aus der Forschung ist bekannt, dass biodynamisch bewirtschaftete Flächen sich in einigen Bodenkennwerten von konventionell bewirtschafteten unterscheiden können, dass aber die Ursache nicht immer eindeutig einem Präparat zuzuordnen ist.
Wie wird ein Kompost aufgesetzt und gepflegt?
Ein Kompost entsteht aus Schichten: grobes Material unten für die Luftführung, dann wechselnd feuchte und trockene, grobe und feine Bestandteile, dazwischen etwas Erde oder reifer Kompost als Impfmaterial. Die Miete soll nicht zu nass und nicht zu trocken sein, und sie soll Luft enthalten, weil der Abbau sonst in Fäulnis übergeht. Umgesetzt wird, wenn die Temperatur im Inneren fällt. Die Kompostpräparate werden in kleinen Mengen in eigens dafür vorgesehene Öffnungen gegeben. Nach einigen Monaten bis zu einem Jahr ist der Kompost reif: dunkel, krümelig, geruchlos. Reifer Kompost wird dünn ausgebracht, nicht als Massendünger, sondern als Zufuhr von Bodenleben und stabiler organischer Substanz.
Wann geschieht welche Arbeit im Jahr?
Die Arbeiten folgen dem Jahreslauf. Im Winter ruhen Bodenbearbeitung und Aussaat; in dieser Zeit werden Geräte gepflegt, Präparate angesetzt und der Kompost umgesetzt, wenn die Witterung es zulässt. Im Frühjahr wird der Boden bearbeitet, sobald er tragfähig ist, dann folgen Aussaat und Pflanzung. Das Hornmistpräparat wird vor der Aussaat oder zum Vegetationsbeginn ausgebracht, das Hornkieselpräparat später, wenn die Pflanzen entwickelt sind. Im Sommer stehen Pflege, Hacken und Bewässerung im Vordergrund, im Herbst Ernte, Gründüngung und die Rückführung von Ernterückständen. Der Zeitpunkt ist Teil des Verfahrens: Wer im nassen Frühjahr zu früh bearbeitet, zerstört die Struktur, die er im Herbst aufgebaut hat.
Was ist gesichert und was nicht?
Gesichert ist, dass Fruchtfolge, organische Düngung und ganzjährige Bodenbedeckung den Humusgehalt und die Bodenstruktur beeinflussen. Gesichert ist auch, dass diese Wirkungen sich über Jahre einstellen und nicht über eine einzelne Maßnahme. Nicht gesichert ist, dass einzelne Präparate unter Feldbedingungen regelmäßig messbare Ertrags- oder Humuseffekte zeigen. Die biodynamische Praxis selbst formuliert ihren Anspruch vorsichtig: Sie beschreibt die Präparate als Anregung für Vorgänge, nicht als Ersatz für Düngung und Fruchtfolge. Wer den Betrieb umstellt, sollte mit Bodenproben vor und nach der Umstellung arbeiten und die Werte über mehrere Jahre vergleichen. Nur so lässt sich unterscheiden, was auf die Umstellung und was auf Witterung oder Standort zurückgeht.
Quellen und Einordnung
Die Angaben zu Verfahren, Präparaten und Fruchtfolgen stützen sich auf die Fachliteratur zur biodynamischen Landwirtschaft und auf Veröffentlichungen der genannten Forschungsinstitute. Die Unterscheidung zwischen messbaren Bodenkennwerten und nicht eindeutig zuordenbaren Präparatewirkungen folgt der üblichen Versuchsmethodik. Wo Zahlen fehlen, werden hier keine genannt. Die Redaktion von Zukunftsbilder prüft Angaben anhand lesbarer Quellen und kennzeichnet, was nicht belegt ist.


